2016-001N

Antikatholischer Kommentar auf Facebook: "dreck Katolismus, verfluechti kinderschänder" (Einstellungsverfügung wegen fehlender schweizerischer Gerichtsbarkeit)

St. Gallen

Juristische Suchbegriffe
Behörde/Instanz Zuständige Strafverfolgungsbehörde
Entscheid Einstellung des Verfahrens
Tathandlung / Objektiver Tatbestand Herabsetzung oder Diskriminierung (Abs. 4 Hälfte 1)
Schutzobjekt keine Ausführungen zum Schutzobjekt
Spezialfragen zum Tatbestand Subjektiver Tatbestand
Sanktion / Strafzumessung keine
Allgemeine Fragen zu Art. 261bis StGB Weitere Verfahren (nicht Art. 261bis StGB)
Stichwörter
Tätergruppen Privatpersonen
Opfergruppen Mehrheitsangehörige / Weisse / Christen
Tatmittel Schrift;
Elektronische Kommunikation
Gesellschaftliches Umfeld Soziale Medien
Ideologie Weitere Ideologien

Kurzfassung

Die Anzeigende A. hat auf ihrer Facebookseite einen Zeitungsartikel der Zeitung „Blick“, in dem über die Nicht-Bewilligung eines islamischen Kindergartens berichtet wurde, kommentiert. In der Folge veröffentlichte der Beschuldigte B. folgenden Kommentar unter den von A. geposteten Artikel: „Sorry dass i so jetzt rede muess! [A.] halt eifach bitte mol dis mul du foze. So lüt wie Du macht dass es 2 site gege nand ufbringsch und denn sich afeindet alo verpiss dich eifach und halts mul oder bisch wieder bsoffe auto gfahre du alkoholikerinn!!!schäm dich eifach dass i han müesse sache schriebe.“
Darauf antwortete ihm A., sie werde ihn wegen dieser Beschimpfungen Anzeigen, worauf B. meinte: „[…] Also gibi en scheiss druf öb mich azeigsch. Und gloge hani au nöd du bisch psoffe autogfahre, oder nöd!Also achli respekt au gege anderi religione.“
Diverse andere Personen schlossen sich der Diskussion an, wobei der Beschuldigte weitere Äusserungen mit drohendem, beschimpfendem und diskriminierendem Inhalt, wie z.B. „[…] du verdammte scheiss Katolik ihr chinderschänder […]. Also halt fresse oder i versprech i wird dich go pueche cho. Bastard.“; „[…] dreck Katolismus, verfluechti kinderschänder sind ihr. […] ihr sind e dreckigs volk. […]“; „[…] du senile huresohn. I scheiss uf dini und uf eui meinig wenn ihr es nid verstöhnd im guete denn halt im…..!!! Ihr wo alli e grossi fresse ufmachet zeiget doch wie stark ihr sind und wir chönd mol bi eu vorbi cho und denn lueget mer mol wie gross eues maul isch.“ postete.
A. erstattete gegen B. Anzeige wegen Verleumdung, übler Nachrede, Beschimpfung, Drohung, Rassendiskriminierung sowie Störung der Glaubens- und Kultusfreiheit.
Da sich B. am Tag der Tat höchstwahrscheinlich im Kosovo aufgehalten hat, stellt sich die Frage, ob die von ihm geposteten Aussagen auf Facebook überhaupt der schweizerischen Strafgerichtsbarkeit unterliegen. Straftaten übers Internet können in der Schweiz geahndet werden, wenn entweder der Ausführungs- oder der Erfolgsort in der Schweiz liegen. Die zuständige Strafverfolgungsbehörde kommt zum Schluss, dass der Ausführungsort höchstwahrscheinlich ausserhalb der Schweiz liegt und deshalb keine schweizerische Gerichtsbarkeit zu begründen vermag. Ausserdem handle es sich sowohl bei den Ehrverletzungsdelikten wie auch bei der Rassendiskriminierung um abstrakte Gefährdungsdelikte (welche per se keinen Erfolgsort haben können), weshalb auch über den Erfolgsort keine schweizerische Gerichtsbarkeit begründet werden könne. Bei der Prüfung, ob das passive Personalitätsprinzip eine schweizerische Gerichtsbarkeit begründen könnte, erwägt die zuständige Strafverfolgungsbehörde, dass Beschimpfung und üble Nachrede mangels genug hohem Strafmass nicht als Auslieferungsdelikte zählen und daher die Voraussetzungen des passiven Personalitätsprinzips nicht erfüllen. Auf die Rassendiskriminierung gemäss Art. 261bis Abs. 4 StGB finde das Personalitätsprinzip im Übrigen keine Anwendung, da dieses seinem Grundgedanken nach nur auf Straftatbestände Anwendung finden könne, die Individualinteressen schützten (Eicker Andreas, Wirtschaftsstrafrecht der Schweiz, Hand- und Studienbuch, 2013, § 3 N 8), der Tatbestand der Rassendiskriminierung jedoch gemeine Interessen schütze.
Folglich fehlt es, gemäss der zuständigen Strafverfolgungsbehörde, für die im vorliegenden Fall in Frage kommenden Tatbestände der Beschimpfung bzw. der üblen Nachrede und der Rassendiskriminierung an der Prozessvoraussetzung der schweizerischen Gerichtsbarkeit. Die Tatbestände der Verleumdung und der Störung der Glaubens- und Kultusfreiheit werden als nicht erfüllt erachtet.

Sachverhalt

Die Anzeigende A. hat auf ihrer Facebookseite einen Zeitungsartikel der Zeitung „Blick“, in dem über die Nicht-Bewilligung eines islamischen Kindergartens berichtet wurde, kommentiert. In der Folge veröffentlichte der Beschuldigte B. folgenden Kommentar unter den von A. geposteten Artikel:
„Sorry dass i so jetzt rede muess! [A.] halt eifach bitte mol dis mul du foze. So lüt wie Du macht dass es 2 site gege nand ufbringsch und denn sich afeindet alo verpiss dich eifach und halts mul oder bisch wieder bsoffe auto gfahre du alkoholikerinn!!!schäm dich eifach dass i han müesse sache schriebe.“
Darauf reagierte A. mit dem Kommentar: „ [B.], ich schätze andere Meinungen die sachlich geschrieben werden. Ich lasse mich von Ihnen weder als Alkoholikerin beschimpfen und distanziere mich deutlich von solchen Beschimpfungen wie „Fotze“!! Deshalb werde ich Sie anzeigen! Freundliche Grüsse [a.]“
B. antwortete darauf: „Ahhh sorry aber ich gib nüt uf azeig, han no nie i mim lebe wegere azeig angst gah. Bulle kennet mi sehr guet wer und was i bi, seget dir gruppe [X.] öpis? I bi eine vo denne wo die gründet het. Also gibi en scheiss druf öb mich azeigsch. Und gloge hani au nöd du bisch psoffe autogfahre, oder nöd!Also achli respekt au gege anderi religione.“
Diverse andere Personen schlossen sich der Diskussion an, wobei der Beschuldigte unter anderem folgende Äusserungen postete:
„[E.] de darmusgang chasch dinere muetter ufs grab stelle und 3 mol pro Tag ihre uf de kopf schisse. Und wenn Du doch so ein starke mann bisch treffet mer üs doch mol und denn lueget mer mol Wer was isch und wer nöd!!! Also du möchte-gern rocker schick mir uf mini inbox en trefpunkt und wir lueget eifach mol.“
„Und du [R.], bis still oder i chum uf empfach und stopf dirs maul du alti sau heb lieber fresse nur will 57. Johr alt bisch meinsch chasch mini familie beliedige, lueg besser uf dini gsundheit chan sie dass mol uf autobahn gheisch???? Wer schad ums auto.“
„Ey jetzt langs aber [E.] halt dini fresse es langt eifach muesch nöd de islam i drek zieh. Du verdammte scheiss Katolik ihr chinderschänder under euere religion ficket priester kinder und väter ficket ihri töchtere und söhn. Also halt fresse oder i versprech i wird dich go pueche cho. Bastard.“
„Höret uf über de Islam in dreck zieh, lueget uf eue dreck Katolismus, verfluechti kinderschänder sind ihr. Bi eu ficket vätere ihre töchter und ihhri söhn und priester pimperet au jungi buebe i de kirche, ihr sind e dreckigs volk. Und wenn ihr so über de Islam schlecht denket, 95% vo de schwizer nati sind muslems und usländer ihr arschlöcher heber eifach fresse und gönd eui kinder go ficke wie bi eu üblich isch.“
„[…] üsi religion seit nöd wir söllet üs i tluft jage und unschuldigi tötet. Oder denn stoht bi eu au dass ihr eui kinder ficket und eui priester jungi buebe verfüheret und vergewaltigen!!!! Seg was isch dass für en glaube wenn ihr inzucht betriebet. Also du möchtegern religionslehrer informier dich zerst bevor smul ufmachsch, und jetzt isch gnueg oder i schick dir mal öpis zue, Psssssssst kapisch!“
„Ey du alte greis importier dir lieber e 9 mm i din kopf du alte senile huresohn. I scheiss uf dini und uf eui meinig wenn ihr es nid verstöhnd im guete denn halt im…..!!! Ihr wo alli e grossi fresse ufmachet zeiget doch wie stark ihr sind und wir chönd mol bi eu vorbi cho und denn lueget mer mol wie gross eues maul isch.“
A. erstattete gegen B. Anzeige wegen Verleumdung, übler Nachrede, Beschimpfung, Drohung, Rassendiskriminierung sowie Störung der Glaubens- und Kultusfreiheit.

Rechtliche Erwägungen

B. war im Jahr 2002 für zehn Jahre aus der Schweiz ausgewiesen worden. Am Tag der Tathandlung hat er sich höchstwahrscheinlich im Kosovo aufgehalten. Es stellt sich deshalb die Frage, ob die von B. geposteten Aussagen auf Facebook überhaupt der schweizerischen Strafgerichtsbarkeit unterliegen. Beim räumlichen Geltungsbereich des schweizerischen Strafrechts handelt es sich um eine Prozessvoraussetzung, weshalb die schweizerischen Strafverfolgungsbehörden von Amtes wegen prüfen, ob der in Frage stehende Sachverhalt örtlich und sachlich der schweizerischen Gerichtbarkeit untersteht. Gemäss dem Territorialitätsprinzip (Art. 3 Abs. 1 StGB) fällt eine Tat in den Geltungsbereich des schweizerischen Strafgesetzbuches, wenn sie auf dem Gebiet der Schweiz verübt worden ist. Das Ubiquitätsprinzip (Art. 8 Abs. 1 StGB) hält fest, dass eine Straftat dann als in der Schweiz begangen betrachtet wird, wenn entweder der Ort der Tatausführung oder der Ort des Erfolgseintritts in der Schweiz liegt. Straftaten übers Internet können folglich in der Schweiz geahndet werden, wenn entweder der Ausführungs- oder der Erfolgsort in der Schweiz liegen. Der Ausführungsort liegt in vorliegendem Fall gemäss der zuständigen Strafverfolgungsbehörde, im Ausland, da sich B. zum Tatzeitpunkt höchstwahrscheinlich im Kosovo aufgehalten hat. Bei Delikten, die im Ausland ausgeführt wurden, aber in der Schweiz ihre Wirkung zeitigen, stellt sich die Frage nach dem Erfolgsort. Der Begriff des Erfolgs setzt einen von der Tathandlung zeitlich und räumlich abtrennbaren Aussenerfolg voraus, was zur Folge hat, dass schlichte Tätigkeitsdelikte und abstrakte Gefährdungsdelikte keinen Erfolg im technischen Sinne haben. Bei diesen Delikten gibt es also keinen Ort des Erfolgseintritts.
Die zuständige Strafverfolgungsbehörde will folglich prüfen, welche Straftatbestände B. durch seine Äusserungen erfüllt haben könnte und um welche Art von Delikten es sich bei diesen handelt. Sie hält fest, dass B. mit dem Ausdruck „du Fotze“ Art. 177 Abs. 1 StGB (Beschimpfung) und mit der Aussage „bisch wieder bsoffe auto gfahre du alkoholikerinn“ Art. 173 Abs. 1 StGB (üble Nachrede) erfüllt haben könnte. Mit der pauschalisierendes Aussage, dass sämtliche Katholiken Kinderschänder seien und Inzucht betreiben, habe B. eine Gruppe von Personen wegen ihrer Religion in einer gegen die Menschenwürde verstossenden Weise herabgesetzt, was den Tatbestand der Rassendiskriminierung gemäss Art. 261bis Abs. 4 StGB erfüllen könnte. Unter den Tatbestand der Störung der Glaubens- und Kultusfreiheit (Art. 261 StGB), fährt die zuständige Strafverfolgungsbehörde fort, fielen nur jene Verletzungen religiöser Überzeugungen des Einzelnen, die derart schwerwiegend seien, dass durch sie zugleich der Religionsfrieden und der öffentliche Friede gefährdet würden. Die Hürden für die Erfüllung der Voraussetzungen seien hoch (BGE 120 Ia 220). Dieser Tatbestand sei im vorliegenden Fall nicht erfüllt.
Bei den Ehrverletzungsdelikten handle es sich um abstrakte Gefährdungsdelikte, so die zuständige Strafverfolgungsbehörde. Dasselbe gelte für die Rassendiskriminierung (Botschaft 92.029, S. 310; Trechsel StGB Praxiskommentar N 6 zu Art. 261bis StGB), weshalb für den Sachverhalt zumindest über Art. 3 Abs. 1 i.V.m. Art. 8 StGB keine schweizerische Gerichtsbarkeit begründet werden könne.
B. ist kein Schweizer Staatsbürger, A. jedoch schon. Die zuständige Strafverfolgungsbehörde prüft deshalb, ob schweizerische Gerichtsbarkeit über das passive Personalitätsprinzip gemäss Art. 7 Abs. 1 StGB begründet werden kann. Sie geht davon aus, dass es sich bei der in Frage kommenden Tat um ein Auslieferungsdelikt, d.h. um ein Delikt, das mit Freiheitsstrafe mit einer Höchststrafe von mindestens einem Jahr oder mit einer strengeren Sanktion bestraft werden kann, handelt. Beschimpfung (Art. 177 StGB) und üble Nachrede (Art. 173 Abs. 1 StGB) würden mangels genug hohem Strafmass nicht als Auslieferungsdelikte zählen und erfüllten daher die Voraussetzungen des passiven Personalitätsprinzips nicht. Auf die Rassendiskriminierung gemäss Art. 261bis Abs. 4 StGB finde das Personalitätsprinzip im Übrigen keine Anwendung, da dieses seinem Grundgedanken nach nur auf Straftatbestände Anwendung finden könne, die Individualinteressen schützten (Eicker Andreas, Wirtschaftsstrafrecht der Schweiz, Hand- und Studienbuch, 2013, § 3 N 8), der Tatbestand der Rassendiskriminierung jedoch gemeine Interessen schütze.
Folglich fehlt es, gemäss der zuständigen Strafverfolgungsbehörde, für die im vorliegenden Fall in Frage kommenden Tatbestände der Beschimpfung bzw. der üblen Nachrede und der Rassendiskriminierung an der Prozessvoraussetzung der schweizerischen Gerichtsbarkeit. Die Tatbestände der Verleumdung und der Störung der Glaubens- und Kultusfreiheit werden als nicht erfüllt erachtet.

Entscheid

Die zuständige Strafverfolgungsbehörde stellt das Strafverfahren gegen den Beschuldigten wegen Verleumdung, Beschimpfung, übler Nachrede, Rassendiskriminierung und Störung der Glaubens- und Kultusfreiheit ein. Dies, weil es an der Prozessvoraussetzung der schweizerischen Gerichtsbarkeit fehlt. Die Verfahrenskosten trägt der Kanton. Bezüglich der Drohungen hingegen hält die zuständige Strafverfolgungsbehörde fest, dass der Erfolg der Tat (nämlich dass die Anzeigeerstattende in Angst und Schrecken versetzt wurde) in der Schweiz eingetreten ist. Sie bejaht folglich die schweizerische Gerichtsbarkeit und verweist auf eine separate Verfügung.